Stress im (Großspenden-)Fundraising – und wie Sie damit umgehen (können)

Der Count-down läuft, das Jahr 2018 neigt sich dem Ende. Überall ist Jahresendspurt angesagt. Für uns Fundraiserinnen und Fundraiser heißt das meist: Es ist Hochsaison, was die Arbeitsbelastung angeht. Wir haben dies zum Anlass genommen, uns das Thema „Stress im Fundraising“ einmal etwas näher anzusehen.

Wir kennen zahlreiche Großspenden-Fundraiser*innen, die mit großer Begeisterung und Leidenschaft ihren „Job“ machen. Gleichzeitig stöhnen die meisten: „Zu viel zu tun!“ Das ist im Prinzip sogar positiv, denn guter Stress („Eustress“), wirkt meist inspirierend und beflügelnd, wie auch diese Aussagen belegen: „Wir hatten wahnsinnig viel Arbeit mit unserem Großspender-Event, doch die Resonanz war überwältigend.“ „Ein großer Ask-Termin diese Woche, viel Vorbereitung und dann noch quer durch die Republik reisen. Doch als der Spender ja sagte, eine Million Euro zu spenden, war ich völlig aus dem Häuschen.“ Und doch: Die Grenzen zum „Disstress“, dem negativen Stress, der krank machen kann und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, können fließend sein. Uns begegnen immer wieder Kolleginnen und Kollegen, die sich überfordert fühlen, unzufrieden sind, bei denen offenkundig ist: „Der oder die hat großen Stress in bzw. mit ihrer Tätigkeit“.

Fundraising gilt als stressiger Beruf

Untersuchungen zu dem Thema „Stress bei Fundraiser*innen“ aus dem deutschsprachigen Raum sind uns nicht bekannt. In den USA ist „Stress bei der Arbeit“ im Nonprofit-Bereich ein großes Thema, auch durch Studien untermauert. Besonders das Fundraising gilt als ein herausforderndes Arbeitsgebiet, bei dem Mitarbeitende des Öfteren an ihre Grenzen stoßen. So förderte eine Studie von CompassPoint zu den Herausforderungen im Fundraising zutage: Die Hälfte der Top-Fundraiser*innen plant, ihren Arbeitsplatz innerhalb von zwei Jahren zu verlassen, 40 Prozent denken darüber nach, das Fundraising ganz aufzugeben. Rebecca Davies aus Toronto (Kanada), zuständig für International Humanitarian Fundraising bei Save the Children International, widmete sich in einem ihrer Beiträge auf dem Blog 101Fundraising.org aus dem Jahr 2016 ebenfalls dem Thema: „When Fundraising hurts: Vicarious Trauma, Burnout and Compassion Fatigue“ (Wenn Fundraising wehtut: stellvertretende Traumatisierung, Burnout und Mitleidserschöpfung).

Stress-Auslöser im Großspenden-Fundraising

Welches sind nun die Auslöser speziell im Großspenden-Fundraising für Stress? Dazu vorab: Es hängt stark vom eigenen Empfinden ab, ob ein Stressauslöser als solcher angesehen wird oder eben nicht. Die jeweilige Lebenssituation spielt dabei eine zentrale Rolle.

Die folgenden Stress-Auslöser begegnen uns immer wieder bei Großspenden-Fundraiser*innen. Oft kommen auch mehrere Faktoren zusammen.

  • Zu hohe Erwartungen an schnelle und noch dazu ganz hohe Einnahmen (gerade während des Aufbaus des Großspenden-Fundraisings)
  • Das Gefühl der Verantwortung für alle und alles (die Stellen der Kolleg*innen, die Hilfe für die Klienten…)
  • Mangelnde „Institutional Readiness“ für das Großspenden-Fundraising (z.B. kein Engagement der Leitung und anderer Mitarbeitenden, keine Fundraising-Kultur, kein überzeugender Case for Support sowie plausible Förderprojekte, keine gute Fundraising-Software und -Datenbank, Organisationsabläufe hapern…)
  • Mangelnde Unterstützung bei der Arbeit – alles als Einzelkämpfer*in alleine schultern (keine Mitarbeiter*in)
  • Konflikte im Team
  • Arbeiten ohne Ruhe und Pausen: Ständiges Multitasking: zu viele unterschiedlich gelagerte Aufgaben parallel, am besten vorgestern erledigt (wie persönliche Dankbriefe schreiben, Events organisieren, hausinterne Planungssitzungen, Telefonate mit den Projektverantwortlichen in der Organisation)
  • Viele Möglichkeiten, noch mehr tun zu können und eigentlich zu müssen, z.B. mehr Großspender*innen anrufen
  • Informationsflut, ob E-Mails, Social Media, Telefonate und anderes mehr
  • Fehlende Anerkennung, gepaart mit der Tatsache, dass z.B. dem Chef Lob gezollt werden muss, weil er einige gute Telefonate mit Großspender*innen geführt hat
  • Zu viel Kritik: andere in der Organisation wissen „besser“, wie erfolgreiches Großspenden-Fundraising geht
  • Schlechte Bezahlung
  • Angst vor Arbeitsplatzverlust (befristeter Arbeitsvertrag)
  • Zu enge Verbindung mit (anstrengend-fordernden) Großspender*innen

Diese Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Eines ist klar: Es belastet Körper und Geist und es macht krank, wenn sich jemand permanent überfordert fühlt. Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden nehmen ab. Auch Burnout ist keineswegs ein Fremdwort unter Fundraiser*innen.

Stress managen

Hier sind einige Tipps in Sachen Stressmanagement am Arbeitsplatz, die hilfreich sein können. Doch nicht alles passt für jeden und jede.

  • Effektiveres Organisations- und Zeitmanagement
  • Grenzen setzen, u.a. Neinsagen lernen (beispielsweise einem Spender freundlich erklären, dass sein Anruf gerade nicht passt und Sie morgen telefonieren können)
  • Pausen machen (zum Mittagessen raus, zwischendrin mal aufstehen und durchatmen)
  • Spaß nach der Arbeit („Stressreduzierer“ finden: Bewegung, Yoga, Kochen, mit den Kindern spielen und anderes mehr)
  • Den Sorgen Halt gebieten – das Problem aufschreiben, über Lösungen nachdenken, Aktionsplan entwickeln (z.B. notieren, welche Optionen ich habe, wenn mein Arbeitsvertrag nicht verlängert wird)
  • Sich auf den Sinn der Arbeit rückbesinnen (z.B. durch einen Projektbesuch)

Wichtig ist es jedoch, nicht nur an den Symptomen zu arbeiten, sondern die Ursachen anzugehen und sich möglicherweise dafür auch Hilfe von außen zu holen, ob Coaching, Organisationsberatung und anders mehr. Hilfreich ist auch der vertrauensvolle persönliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Organisationen.

Umfrage

Gerne würden wir den Anstoß zu einer Diskussion über Stress und Stressmanagement im (Großspenden-)Fundraising geben und zusammentragen, ob überhaupt und wenn ja, wie stressig Sie und andere Ihren (Fundraising-)Job erleben, wie Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema Stress und Stressmanagement sind. Bitte nehmen Sie dazu an unserer Umfrage teil und beantworten uns 7 Fragen. Vielen Dank!